Geschichte der Niagarafälle
Die Geschichte der Niagarafälle beginnt lange vor dem ersten europäischen Blick auf das tosende Wasser. Für die indigenen Völker Nordamerikas war dieser Ort seit Jahrtausenden weit mehr als ein beeindruckendes Naturphänomen – er war heilig. Das Donnern des herabstürzenden Wassers, der aufsteigende Nebel, die schiere Kraft der Strömung: All das hatte für die Haudenosaunee und andere Völker eine tiefe spirituelle Bedeutung, die in Geschichten und Traditionen bis heute weiterlebt.
Als europäische Entdecker im 17. Jahrhundert zum ersten Mal vor den Fällen standen, fehlten ihnen schlicht die Worte. Die Berichte, die sie in die Heimat schickten, klangen manchmal eher nach Übertreibung als nach Tatsachenbericht – und doch entsprachen sie der Wirklichkeit. Die Neugier war geweckt. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts entwickelten sich die Niagarafälle zu einem der ersten großen Reiseziele überhaupt: Wohlhabende Europäer nahmen wochenlange Reisen in Kauf, nur um einmal vor den Horseshoe Falls zu stehen.
Heute kommen jährlich Millionen Menschen hierher – und der erste Moment, in dem man die Fälle wirklich sieht und hört, ist für die meisten unvergesslich. Hinter diesem Erlebnis verbirgt sich eine Geschichte, die geologisch Jahrtausende zurückreicht und kulturell bis in die Gegenwart wirkt.
Entstehung vor etwa 12.000 Jahren
Es begann vor über 12.000 Jahren, als am Ende der letzten Eiszeit die Großen Seen entstanden. Als Überlauf zwischen Erie- und Ontariosee entstand der Niagara River. Durch die Besonderheit des Gesteins – weicher Schieferstein liegt unter einer harten Schicht aus Dolomit – und die hohe Fließgeschwindigkeit des Flusses entstanden in einer erdgeschichtlich sehr kurzen Zeit die Niagarafälle. QUELLE Faszination Kanada
Die Schichtstufe besitzt dabei eine geologische Besonderheit: Unter dem harten Dolomitgestein der Oberfläche befindet sich weicheres Schiefergestein. Die Wassermassen am Fuß der Fälle erodieren das Schiefergestein, bis sich der Überhang aus hartem Dolomit nicht mehr hält und in das Flussbett stürzt. Auf diese Weise haben sich die Fälle seit ihrer Entstehung bereits über 11 Kilometer von der Niagara-Schichtstufe weg Richtung Eriesee bewegt. QUELLE Wikipedia Die Wanderung der Fälle konnte seit Mitte des 20. Jahrhunderts von über einem Meter pro Jahr auf etwa einen Meter alle 30 Jahre verringert werden – ein direktes Ergebnis der Wasserentnahme für die Stromerzeugung.
Die indigene Bevölkerung
Haudenosaunee und Neutrale Nation
Lange bevor der erste europäische Entdecker die Niagarafälle zu Gesicht bekam, war diese Landschaft bereits tief in das Leben und Denken der Menschen eingeschrieben, die hier seit Jahrtausenden lebten. Archäologische Funde belegen eine kontinuierliche indigene Besiedlung der Niagara-Region seit mindestens 11.000 Jahren.
Die Haudenosaunee-Konföderation, auch als Irokesen-Bund bekannt, vereinte sechs souveräne Nationen: die Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga, Seneca und Tuscarora. QUELLE Wikipedia Die Seneca, die westlichste dieser Nationen, werden traditionell als „Hüter der Westtür" bezeichnet – und genau diese Westtür lag am Niagara. Mitte des 18. Jahrhunderts kontrollierte die Seneca-Nation die gesamte Region, und der Umgehungspfad rund um die Fälle war eine wichtige Einnahmequelle für Seneca-Männer. QUELLE Niagarafälle
Woher kommt der Name „Niagara"?
Über die Herkunft des Namens streiten sich die Gelehrten bis heute. Laut dem Historiker Bruce Trigger leitet sich „Niagara" von einem Zweig der einheimischen Neutralen Konföderation ab, der auf französischen Karten des späten 17. Jahrhunderts als „Niagagarega" verzeichnet ist. Der Sprachforscher George R. Stewart wiederum führt den Namen auf eine Irokesenbezeichnung zurück, die „zweigeteilter Landpunkt" bedeutet. In der Seneca-Sprache selbst sind die Fälle als „Gah-nis-qua-o-de-a-ga" bekannt – „die Großen Fälle". QUELLE Les Trésors de Rable
Spirituelle Bedeutung
Das donnernde Rauschen der Fälle wurde als die Stimme mächtiger spiritueller Wesen verstanden, der aufsteigende Nebel als Träger von Gebeten zum Schöpfer. Rick Hill, ein älterer Tuscarora, hat darauf hingewiesen, dass die von europäischen Siedlern verbreitete Version der „Maid of the Mist" – in der eine Jungfrau den Geistern geopfert wird – keinerlei Grundlage in der indigenen Tradition hat. QUELLE Faszination Kanada Die Geschichte der Niagarafälle beginnt nicht mit Louis Hennepin im Jahr 1678 – sie beginnt Jahrtausende früher.
Louis Hennepin (1678)
Erste europäische Beschreibung
1678 wurde Franziskanerpater und Entdecker Louis Hennepin zum ersten europäischen Entdecker, der die Niagarafälle erkundete. QUELLE Encyclopedia Er dokumentierte seine Reisen in dem Buch „New Discovery" (Amazon), das der westlichen Welt zum ersten Mal große Aufmerksamkeit brachte und andere dazu inspirierte, die Region der Niagarafälle zu erforschen.
Hennepin war so überwältigt, dass er die Höhe der Fälle stark übertrieb – er schätzte sie auf über 180 Meter, tatsächlich beträgt die Fallhöhe der Horseshoe Falls 57 Meter.
Tourismus und frühe Erschließung (ab 1800)
Die touristische Erschließung begann ab 1800. Wohlhabende Reisende aus Europa und Nordamerika machten die Fälle zu einem der ersten großen Reiseziele des Kontinents. 1825 öffnete das bekannteste Hotel der Region, das Cataract House, das berühmte Gäste wie Abraham Lincoln und Winston Churchill empfing.
Vor 1846 beförderten Ruderboote die Passagiere über den Niagara River unterhalb der Fälle. Im Jahr 1846 beschlossen Unternehmer, dass ein größeres Schiff für den Transport von Personen, Gepäck, Post und Fracht besser geeignet wäre – so wurde das erste Dampfschiff Maid of the Mist getauft. QUELLE Maid Of The Mist Als der Bau der ersten internationalen Hängebrücke 1848 den Fährbetrieb beeinträchtigte, erkannten die Betreiber die Chance und wandelten die Fähre in Sightseeing-Touren um – bis hin zur Basis der Horseshoe Falls. QUELLE Brocku Dieses Angebot besteht bis heute.
Tagesausflüge an den NiagarafällenDer Krieg von 1812
Die Schlacht von Lundy's Lane
Die Niagara-Region war während des Krieges von 1812 zwischen Großbritannien (Kanada) und den USA ein zentrales Schlachtfeld. Eine der blutigsten Schlachten des Krieges fand am 25. Juli 1814 bei Lundy's Lane statt. Insgesamt 7.500 amerikanische und kanadische Soldaten kämpften sechs Stunden lang, wobei 1.000 Tote oder Verwundete zurückblieben.
Die Region ist bis heute reich an Erinnerungsstätten aus dieser Epoche.
Die Niagarafälle dienten im 19. Jahrhundert auch als wichtige Station für die Underground Railroad. Die Niagara Falls Suspension Bridge, eröffnet 1855, wurde von Schleusern der Underground Railroad genutzt, um geflohene Sklaven nach Kanada zu geleiten.
Das Schweigen der Fälle
Eines der außergewöhnlichsten Ereignisse in der Geschichte der Niagarafälle ereignete sich im Frühjahr 1848, genauer gesagt am 29. März 1848 – und es begann nicht mit einem Knall, sondern mit einer unheimlichen Stille.
Nach einem besonders kalten Winter hatten starke Ostwinde gewaltige Eismengen über den Eriesee getrieben. Das Eis staute sich an der Mündung des Niagara Rivers und blockierte den Wasserfluss vollständig. Ein Farmer, der nachts am Flussufer spazierte, bemerkte es als Erster: Das vertraute Donnern fehlte. Als er an den Rand trat, lag der Fluss nahezu trocken.
Tausende Menschen strömten herbei und stiegen in das freiliegende Flussbett hinab. Sie sammelten Souvenirs – Gewehre, Bajonette und Tomahawks aus dem Krieg von 1812. Die US-Kavallerie ritt den Flussgrund entlang, Arbeiter sprengten gefährliche Felsen. QUELLE Geo
Nach etwa 30 bis 40 Stunden drehte der Wind, das Eis löste sich – und der Niagara River erwachte mit einem Donnerrollen wieder zum Leben. Es ist das einzige bekannte Mal in der aufgezeichneten Geschichte, dass die Niagarafälle auf natürliche Weise zum Stillstand kamen.
Schutzparks und Überlebende im Fass
1885: Schutzparks und erste Naturschutzmaßnahmen
1885 schuf Ontario den Queen Victoria Park – Kanadas ersten Provinzpark – um das Gebiet vor Spekulanten zu schützen. Im selben Jahr wurde auf der amerikanischen Seite ein ähnlicher öffentlicher Park eingerichtet. Diese Schritte legten den Grundstein für den heutigen organisierten Tourismus und den dauerhaften Schutz der Fälle.
1859–1860: Seiltänzer über dem Abgrund
Jean François Gravelet, ein Franzose der unter dem Künstlernamen Charles Blondin bekannt war, wurde am 30. Juni 1859 zum ersten Seiltänzer, der die Niagarafälle auf einem Drahtseil überquerte. Die Leistung wurde 160 Fuß über der Niagara-Schlucht vollbracht und von rund 5.000 Zuschauern beobachtet. QUELLE History
Es war die erste einer Reihe berühmter Seiltanzauftritte von „The Great Blondin" in den Jahren 1859 und 1860. Diese Überquerungen hatten stets neue theatralische Variationen – darunter Überquerungen mit verbundenen Augen, im Sack, mit seinem Manager auf dem Rücken, mit einer Schubkarre und sogar mit einem Kochkocher, auf dem er ein Omelette zubereitete. Die Vorstellungen zogen Menschenmengen von bis zu 25.000 Personen an.
1901: Überlebende im Fass
Annie Edson Taylor (24. Oktober 1838 – 29. April 1921) war eine amerikanische Lehrerin, die an ihrem 63. Geburtstag, dem 24. Oktober 1901, als erste Person eine Fahrt über die Niagarafälle in einem Fass überlebte. Ihre Motive waren finanzieller Natur, doch sie verdiente nie viel Geld mit ihrem Abenteuer. QUELLE Wikipedia
Ihr Fass war nur aus Eiche und Eisen gefertigt und mit einer Matratze gepolstert.
Die Strömung trug das Fass über die kanadischen Horseshoe Falls.Taylor tauchte aus ihrem Fass auf, benommen, aber unverletzt – mit Ausnahme einer kleinen Schnittwunde an der Stirn, die beim Herausziehen aus dem Fass entstand.
Nach einer kurzen Welle von Fotos und Vortragsveranstaltungen kühlte Taylors Ruhm ab. Sie konnte das erhoffte Vermögen nie aufbauen und starb mittellos. Ihr Stunt inspirierte jedoch zahlreiche Nachahmer. Zwischen 1901 und 1995 fuhren 15 Personen über die Fälle; 10 von ihnen überlebten.
1969: Die American Falls werden trockengelegt
1969 baute die U.S. Army einen Damm, um die amerikanischen Fälle trockenzulegen. Ein Expertenteam aus den USA und Kanada untersuchte die Erosion und wie sie zu verhindern wäre. Sie kam jedoch zu dem Schluss, dass die Kosten viel zu hoch wären, um die Erosion aufzuhalten. QUELLE Usa-und-kanada Im Juni 1969 wurden die American Falls für fünf Monate trockengelegt und geologisch untersucht. Auch wurde Beton in den Fels gedrückt, um der Erosion Einhalt zu gebieten.
Die Niagarafälle heute
Mit mehr als 18 Millionen Besuchern jährlich zählt die Niagararegion zu den beliebtesten Touristenattraktionen Nordamerikas. QUELLE Wikipedia Die Niagarafälle haben nie den Status eines UNESCO-Welterbes erhalten. Gründe dafür liegen weniger im natürlichen Wert der Stätte – dieser ist unbestritten – sondern vielmehr in ihrer umfassenden touristischen Erschließung, der technischen Regulierung des Flusses und der intensiven Nutzung durch Infrastruktur, Freizeitparks und Hotels. Dennoch gelten sie als eines der sieben Naturwunder Nordamerikas und stehen unter nationalem Schutz beider Länder.
Wer die Fälle einmal selbst erlebt hat, versteht sofort, warum sie seit fast zwei Jahrhunderten Menschen aus aller Welt anziehen.
Kein Foto und kein Video vermittelt das Grollen des herabstürzenden Wassers, den feinen Sprühnebel auf der Haut oder den Anblick der tosenden Horseshoe Falls aus nächster Nähe. Die Niagarafälle sind ein Erlebnis, das man einmal im Leben gesehen haben sollte – und Kanada bietet dabei die bei weitem eindrucksvollere Perspektive.
Wer eine Reise dorthin plant, findet auf Kanada-Urlaub.de umfassende Informationen rund um den Kanada-Urlaub – von der Anreise über Unterkünfte bis hin zu den schönsten Ausflugszielen in Ontario und darüber hinaus.
Urlaub an den Niagarafällen