Geografie & Natur
Die Niagarafälle sind mehr als ein spektakuläres Schauspiel – sie sind das Ergebnis einer jahrtausendealten geologischen Geschichte und das Herzstück einer Naturlandschaft von außergewöhnlicher Vielfalt. Wer die kanadische Seite besucht, erlebt nicht nur die mächtigsten Wasserfälle Nordamerikas, sondern auch einen der bedeutendsten Naturkorridore des Kontinents.
Lage und der Niagara River
Die Niagarafälle liegen 27 Kilometer nordwestlich von Buffalo, New York, und 69 Kilometer südöstlich von Toronto, zwischen den Zwillingsstädten Niagara Falls, Ontario, und Niagara Falls, New York. QUELLE USA-und-Kanada
Der Niagara River ist 58 Kilometer lang und verbindet als wichtigster Abfluss den Eriesee mit dem Ontariosee. Das Wasser fließt von Bächen und Flüssen, die in die Großen Seen münden – von Lake Superior über den Niagara bis zum Ontariosee, dann in den Sankt-Lorenz-Strom und schließlich in den Atlantik. Das Wasser der Großen Seen gilt dabei größtenteils als sogenanntes „fossiles Wasser" aus der letzten Eiszeit – weniger als ein Prozent erneuert sich jährlich durch Niederschläge und Grundwasser. QUELLE Faszination Kanada
Der Höhenunterschied zwischen den beiden Seen beträgt rund 99 Meter, die Hälfte davon entfällt auf den Bereich der Fälle selbst.
Niagarafälle auf GoogleMaps anzeigenDie drei Wasserfälle
Was wir als „die Niagarafälle" kennen, sind in Wirklichkeit drei separate Wasserfälle.
Horseshoe Falls – die kanadische Seite
Die Horseshoe Falls fallen durchschnittlich 57 Meter in den unteren Niagara River. Die Fallkante der kanadischen Horseshoe Falls ist rund 670 Meter breit. QUELLE Wikipedia Die Horseshoe Falls sind der kraftvollste Wasserfall Nordamerikas, gemessen an der Durchflussmenge. Im Sommer fließen mindestens 2.800 Kubikmeter Wasser pro Sekunde über die Fälle, davon rund 90 Prozent über die Horseshoe Falls. QUELLE Kanada-Urlaub Der Name „Horseshoe Falls" leitet sich von der charakteristischen geschwungenen Form ab. Als die ersten Europäer die Fälle dokumentierten, war die Kurve noch flacher – erst im 19. Jahrhundert begann Felserosion im Zentrum, die der Fallkante ihre heute tiefe Hufeisenform gab.
American Falls und Bridal Veil Falls
Die American Falls fallen ebenfalls rund 57 Meter zum Fluss hinunter, gemessen vom Rand bis zur Wasseroberfläche darunter. Zum Gesteinsschutt an der Basis beträgt der Höhenunterschied jedoch nur 21 bis 34 Meter. Die American Falls sind rund 320 Meter breit. Die kleinsten der drei, die Bridal Veil Falls, sind nach ihrem schleierartigen Erscheinungsbild benannt und durch Luna Island von den American Falls getrennt.
Was die Niagarafälle so außergewöhnlich macht
Die Niagarafälle sind weder die höchsten noch die breitesten Wasserfälle der Welt. Es sind jedoch die zugänglichsten unter den großen Wasserfällen weltweit – kein anderer Wasserfall dieser Größe und Wassermenge lässt sich von so vielen Seiten und aus so geringer Entfernung erleben. Es ist diese Kombination aus Volumen, Fallhöhe und Zugänglichkeit, die die Niagarafälle einzigartig macht.
400 Millionen Jahre in der Felswand
Die Farbschichten, die in der Niagara-Schlucht übereinanderliegen, sind wie Seiten eines Buches: Das unterste Kapitel beginnt im späten Ordovizium vor rund 448 Millionen Jahren am Grund der Schlucht. Das Buch endet an der Oberkante mit den Kalksteinen und Dolomiten der Lockport-Gruppe aus dem späten Silur, vor etwa 425 Millionen Jahren. Damals lag diese Region noch unter einem tropischen Flachmeer – was man heute an Fossilien von Korallen, Muscheln und Stachelhäutern ablesen kann, die in den Schluchtfelsen eingeschlossen sind. QUELLE New York Museum
Die Fälle entstanden vor rund 12.000 Jahren, als das Schmelzwasser der letzten Eiszeit über die Niagara-Steilung floss. Das Gestein aus der Silurzeit liegt nahezu waagerecht in der Schlucht. Hartes Dolomitgestein oben überlagert weichere Schieferschichten darunter. Das Wasser erodiert den Schiefer, bis die darüberliegenden Dolomitblöcke brechen und abstürzen – so wandern die Fälle stetig flussaufwärts. Bis Anfang der 1950er Jahre betrug die Erosionsrate durchschnittlich einen Meter pro Jahr. Seitdem hat die geregelte Wasserentnahme für die Stromerzeugung die Erosion deutlich verlangsamt. QUELLE Usa-und-kanada
Wissenschaftler spekulieren, dass die Horseshoe Falls noch etwa 15.000 Jahre weiter flussaufwärts wandern werden, bis sie ein weicheres Flussbett aus Salina-Schiefer erreichen – dann könnte sich der Charakter der Fälle grundlegend verändern.
Der Niagara-Whirlpool
Ein geologischer Zufall
Rund drei Kilometer unterhalb der Fälle macht der Niagara River eine abrupte 90-Grad-Kurve. Hier liegt der Niagara-Whirlpool – und seine Entstehung ist eine der faszinierendsten geologischen Geschichten der Region.
Vor etwa 4.200 Jahren, als die Fälle flussaufwärts erodierten, stießen sie auf eine versteckte Schwachstelle im Untergrund: die Saint David's Buried Gorge, ein uraltes, vor der Eiszeit entstandenes Flusstal, das mit weichem Gletschermaterial aufgefüllt worden war. Als die Niagarafälle in dieses begrabene Tal vorstießen, wuschen sie das weiche Sediment in einem geologisch gesehen winzigen Zeitraum von vielleicht wenigen Wochen heraus. QUELLE Faszination Kanada
Das Ergebnis ist der heutige Whirlpool: ein Becken von 518 Metern Länge und 365 Metern Breite, mit Tiefen von bis zu 38 Metern. Das Wasser rast hier mit bis zu neun Metern pro Sekunde durch die enge Schlucht.
Bei normalem Wasserstand rotiert das Wasser im Uhrzeigersinn. Bei höherem Wasserstand dreht sich die Strömung aus noch ungeklärten Gründen um.
Niagara-on-the-Lake
Eines der schönsten historischen Ziele Kanadas
Nur wenige Kilometer nördlich der Niagarafälle liegt das charmante Städtchen Niagara-on-the-Lake, das als eines der schönsten historischen Ziele Kanadas gilt. Gegründet im 18. Jahrhundert und einst erste Hauptstadt von Oberkanada, ist der Ort bis heute für seine außergewöhnlich gut erhaltene Architektur bekannt. Die offizielle Website der Stadt beschreibt ihn treffend als
„a picturesque town known for its heritage buildings, beautiful gardens and vibrant cultural scene“ QUELLE notl.com
Besonders die von Blumen gesäumte Queen Street prägt das Stadtbild und unterstreicht den fast europäischen Charakter des Ortes. Darüber hinaus ist Niagara-on-the-Lake eng mit der Geschichte des War of 1812 verbunden, was sich in zahlreichen historischen Stätten widerspiegelt. Heute verbindet der Ort auf einzigartige Weise Geschichte, Kultur und landschaftliche Schönheit – und gilt als ruhiger, eleganter Gegenpol zum Trubel der nahegelegenen Wasserfälle.
Für einen Urlaub in Kanada ist Niagara-on-the-Lake ein besonders lohnendes Reiseziel, das Naturerlebnis und kulturellen Anspruch auf einzigartige Weise vereint.
Jahreszeiten am Niagara
Die Niagarafälle zeigen sich im Laufe des Jahres in ständig wechselnden Facetten – von eisverhangener Winterlandschaft bis hin zu sommerlicher Gischt mit Regenbogen. Im Winter gefriert die aufsteigende Gischt teilweise und verwandelt die Umgebung in eine spektakuläre Eislandschaft. Die offizielle Tourismusorganisation beschreibt dieses Phänomen so:
„During the winter months, mist from the Falls freezes, creating a stunning display of ice formations.“ QUELLE Niagarafallsstatepark
Im Frühjahr und Sommer sorgen steigende Wassermengen und Sonnenlicht für die typischen Regenbögen, während die Region im Herbst durch ihre intensiven Laubfärbungen besticht. Laut Niagara Falls State Park bieten die Fälle „year-round beauty and ever-changing scenery“, was sie zu einem Ganzjahresziel macht. Jede Jahreszeit eröffnet eine eigene Perspektive auf eines der bekanntesten Naturwunder Nordamerikas.
Die Niagara-Schlucht und der Niagara Glen
Ein geologischer Zufall
Unterhalb der Niagarafälle öffnet sich mit der Niagara Gorge eine bis zu rund 100 Meter tiefe Schlucht, die der Niagara River seit dem Ende der letzten Eiszeit in das Gestein geschnitten hat. Die Schlucht ist etwa elf Kilometer lang und entstand durch die fortschreitende Erosion des Flussbetts – ein Prozess, der bis heute andauert.
Mitten in dieser dramatischen Landschaft liegt auf kanadischer Seite das Naturreservat Niagara Glen, eines der letzten gut erhaltenen Relikte des ursprünglichen karolinischen Waldes in Südontario. Offiziell heißt es dazu:
„One of the last remaining remnants of old growth Carolinian Forest“. QUELLE Niagaraparks
Das Gebiet ist zugleich ein bedeutender Hotspot der Biodiversität: Es „is home to approximately 490 species of vulnerable plants and animals“. Charakteristisch sind die gewaltigen Felsblöcke, die durch die Erosion entlang des Niagara River entstanden sind, sowie Fossilien, die belegen, dass sich hier einst ein urzeitliches Meer befand – „the rocks in this area formed in an ancient sea“. Über Treppen erreicht man ein rund vier Kilometer langes Wegenetz, das sich durch diese ursprüngliche Landschaft zieht und dabei etwa 60 Höhenmeter überwindet. QUELLE AdventureAwaits
Der Niagara Glen gilt damit als einer der eindrucksvollsten, zugleich aber oft übersehenen Naturräume rund um die Niagarafälle.